Das folgende Gespräch erschien am 21. August 2003 im Pressematerial der Evangelischen Kirche der Kirchenprovinz Sachsen. Es wird hier als Dokument wiedergegeben, weil es bis heute als Quelle zum Thema Bestandserhaltung zitiert wird.
Gesprächspartnerin war Dr. Margit Müller, damals Kirchenarchivrätin und Leiterin von Archiv und Bibliothek der Kirchenprovinz in Magdeburg; die Fragen stellte Silke Nenzel von der Onlineredaktion. Wie das Materialangebot der Pressestelle insgesamt aussah, zeigt die Seite zum Pressematerial des Frühjahrs 2003.
Das Gespräch
Wie viele Bücher sind insgesamt in der Bibliothek der Kirchenprovinz Sachsen? Müller: In der Bibliothek befinden sich ungefähr 60.000 Bände.
Von wann sind die ältesten Bücher? Müller: Die ältesten Bücher stammen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts.
Wie halten Sie die Bücher instand? Müller: Da relativ wenig Geld und Personal zur Verfügung stehen, begnügt sich die Bibliothek weitestgehend mit passiven Bestandserhaltungsmaßnahmen. Das heißt, vor allem die älteren, wertvolleren Bände werden kühl, trocken und dunkel gelagert, damit sie nicht durch UV-Strahlen, Feuchtigkeit und Wärme beschädigt werden.
Wärme und Feuchtigkeit wirken als Katalysatoren für Zerfallsprozesse, gerade bei der Säurebildung im Papier. Der Altbestand mit den wertvolleren Büchern wurde deshalb separiert und im Magazin aufgestellt, im Gegensatz zu den aktuelleren Werken, die im Lesesaal stehen.
Ansonsten werden Bücher, soweit es die finanziellen Möglichkeiten erlauben, neu eingebunden, wenn sie zerschlissen sind. Restaurierungsmaßnahmen werden nur ganz selten in Auftrag gegeben, weil dafür die Mittel fehlen.
Das Problem mit dem Säurefraß betrifft nicht nur die Bibliothek. Eine Gesamtkonzeption zur Lösung des Problems steht aufgrund der immensen Summen, die erforderlich wären, noch in weiter Ferne.
Betroffen sind wie überall vor allem die Bücher zwischen 1850 und 1970, weil sie auf säurehaltigem Papier gedruckt wurden. Es trifft aber auch alle Akten aus dem Archiv, die aus dieser Zeit stammen. Alles, was auf Papier aus der Zeit zwischen 1850 und 1970 geschrieben und gedruckt wurde, wird in absehbarer Zeit zerfallen.
Auf Archivseite ist das Problem noch dramatischer. Da es sich bei Archivgut immer um Unikate handelt, müsste jedes Archiv, auch die kirchlichen, für sich tätig werden. Technische Lösungen sind bisher die Entsäuerung, die Verfilmung oder Digitalisierung.
Ziel wird es sein müssen, die Verfahren zu verbessern, um sie billiger anbieten zu können. Ansonsten ist der massenhafte Verlust von Kulturgut in der nächsten Generation unvermeidlich.
In der Kirchenprovinz Sachsen wurde wenigstens in einem Bereich dem Papierzerfall der Kampf angesagt: 2001 hat die Kirchenleitung den Beschluss gefasst, die äußerst intensiv benutzten Kirchenbücher verfilmen zu lassen. Diese Aktion wird rund 900.000 Euro kosten, so dass sie auf andere Quellengruppen kaum ausgedehnt werden kann.
Wie viele Bücher und Akten sind insgesamt von Säurefraß betroffen? Müller: Das ist noch nicht überschlagen worden. Verwahrt werden insgesamt rund 4,5 Kilometer Archivgut und etwa 60.000 Bücher. Wahrscheinlich fällt mindestens die Hälfte des Archivmaterials in den problematischen Zeitraum zwischen 1850 und 1970. Bei der Bibliothek dürften es etwa 80 Prozent des Gesamtbestandes sein.
Was versteht man genau unter Säurefraß? Müller: Der Säurefraß entsteht durch ein in den 1840er Jahren neu entdecktes Papierherstellungsverfahren. Davor wurde Hadernpapier aus Lumpen hergestellt, ein aufwendiges und teures Verfahren, deshalb gab es nur geringe Papiermengen.
Mit dem Holzschliffverfahren wurden der Zellulose Holzfasern zugesetzt. Um die Fasern zu verbinden, kamen Klebstoffe hinzu. Diese Klebstoffe setzen unter Einwirkung von Wärme und Feuchtigkeit Säure frei, die das Papier zersetzt. Man erkennt das sofort an den braunen Flecken; im fortgeschrittenen Stadium führt der Zerfall zu bröselnden Ecken und Rändern.
Kann man sich in der Bibliothek Bücher aus dem 16. Jahrhundert ausleihen? Müller: Nein, das gibt es in keiner deutschen Bibliothek. Altbestände kann man nicht ausleihen, aber im Lesesaal benutzen. Ausleihen erfolgen nur im Rahmen von Ausstellungen mit Leihvertrag.
Für die jüngeren Bestände gelten diese Beschränkungen nicht. Paradoxerweise sind gerade die älteren Bestände vor 1850 vom Papier her weniger gefährdet, aber sie sind seltener, wertvoller und in der Regel nicht ersetzbar.
Was sind die wertvollsten oder originellsten Bücher? Müller: Das originellste Stück stammt aus der Kirchenbibliothek Reuden: ein Atlas um 1800. Ein Pfarrer hat Ende des 18. oder Anfang des 19. Jahrhunderts alle Landkarten und Stadtpläne, die er im Laufe seines Lebens erwerben konnte, zu einem Buch binden lassen.
Es sind handkolorierte Karten von hohem Wert, ein Einzelstück. Es ist nicht das älteste Buch, aber vielleicht das farbenfroheste, und leider in ziemlich schlechtem Zustand, weil zu häufig darin geblättert wurde.
Ist schon einmal etwas gestohlen worden? Müller: Leider werden öfter entliehene Bücher nicht zurückgegeben. Es gab auch Fälle, in denen Bücher aus den Regalen entwendet wurden.
Was ist das Interessanteste an Ihrer Arbeit? Müller: Der Umgang mit sehr vielfältigen Fragestellungen, Forschungsprojekten und vielen Menschen.
Was daraus wurde
Die 2001 beschlossene Verfilmung der Kirchenbücher ist der Grund, warum die Bände heute im Lesesaal des Landeskirchenarchivs Magdeburg als Film vorliegen und für 17 Kirchenkreise bei Archion online sind; die Originale blieben bei den Pfarrämtern und werden nicht mehr vorgelegt.
Archiv und Bibliothek der Kirchenprovinz gingen 2009 im Landeskirchenarchiv der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland auf. Wie die Bestände heute genutzt werden, steht auf der Seite Kirchenbücher; Aufgaben und Standort des Hauses beschreibt die Seite Archiv.