Die Marienbibliothek in Halle an der Saale gehört zu den bedeutendsten Kirchenbibliotheken Deutschlands und ist die älteste erhaltene evangelische. Sie stand als Station der Rubrik Bibliotheken neben der Bibliothek im Konsistorium in Magdeburg, deren Bestände heute zum Landeskirchenarchiv gehören und dort gemeinsam mit dem Archivgut der Kirchenprovinz verwahrt werden.
Geschichte
Gegründet wurde die Bibliothek 1552 durch den Oberpfarrer Sebastian Boetius als öffentliche Bibliothek der Stadt und der Marktkirche, wenige Jahre nachdem Halle zur Reformation übergegangen war. Sie sollte den Bürgern, Pfarrern und Lehrern der Stadt die Schriften der Reformation und der Wissenschaften zugänglich machen, zu einer Zeit, als gedruckte Bücher teuer und in Privathand selten waren.
Aus Stiftungen und Nachlässen wuchs sie im 17. und 18. Jahrhundert zu einer Gelehrtenbibliothek mit Werken aus Theologie, Geschichte, Recht, Medizin und Naturkunde. Ihr heutiges Gebäude hinter der Marktkirche Unser Lieben Frauen erhielt sie im 19. Jahrhundert. Damit steht sie in der Reihe der Kirchenbibliotheken, die aus dem Bedarf einer Gemeinde entstanden und über Jahrhunderte durch Schenkungen zusammenwuchsen.
Bestände
Der Bestand umfasst mittelalterliche Handschriften, Inkunabeln, zahlreiche Drucke der Reformationszeit aus Wittenberg, Leipzig und Halle, Bibelausgaben, Flugschriften, Leichenpredigten und Gesangbücher sowie die Bibliotheken hallescher Gelehrter und Pfarrer. Für die Familien- und Ortsgeschichte sind die Leichenpredigten des 16. bis 18. Jahrhunderts eine viel genutzte Quelle, weil sie Lebensläufe mit Herkunft, Ehe und Kindern enthalten.
Leichenpredigten sind dabei eine Quelle mit klarer Grenze. Gedruckt wurde vor allem für Familien, die sich den Druck leisten konnten, für Adel, Pfarrerschaft, Bürgertum und Gelehrte. Wer bäuerliche Vorfahren sucht, wird sie selten finden und ist auf die Kirchenbücher angewiesen, die jede Taufe, Trauung und Bestattung einer Gemeinde verzeichnen, unabhängig vom Stand.
Benutzung
Träger ist die Evangelische Marktkirchengemeinde Halle. Die Bibliothek ist nach Anmeldung im Lesesaal zu benutzen; Altbestände werden nicht verliehen. Das ist in Bibliotheken mit historischem Bestand der Normalfall: Bände vor 1850 sind Unikate im Zustand, wenn nicht im Text, und jede Ausleihe wäre ein Risiko für Einband, Papier und Bindung.
Wer eine Anfrage vorbereitet, hilft sich und der Bibliothek mit möglichst genauen Angaben: Verfasser, Titel, Erscheinungsort und -jahr, bei Leichenpredigten der Name der verstorbenen Person mit Sterbeort und Sterbejahr. Je enger die Angabe, desto eher lässt sich ein Stück im Katalog auffinden und für den Lesesaaltermin bereitlegen.
Bibliothek, Archiv und Kirchenbuch
Kirchenbücher sucht man nicht in der Marienbibliothek. Die Trennung ist grundsätzlich: Eine Bibliothek sammelt Veröffentlichtes, ein Archiv verwahrt das Schriftgut, das bei einer Stelle im Verlauf ihrer Arbeit entstanden ist. Kirchenbücher gehören zur zweiten Gruppe. In der Kirchenprovinz Sachsen blieben sie bei den Pfarrämtern und wurden nie zentral eingezogen; den Weg zu ihnen beschreibt die Seite Kirchenbücher.
In der Praxis ergänzen sich beide Wege. Das Kirchenbuch nennt Daten und Namen, die gedruckte Überlieferung liefert den Zusammenhang: Predigten, Schul- und Gemeindeschriften, Gesangbücher, Ortsbeschreibungen, Streitschriften. Wer nach dem Kirchenbuch weitersucht und wissen will, wie in einer Gemeinde gepredigt, gesungen und gestritten wurde, kommt deshalb fast zwangsläufig in eine Bibliothek mit historischem Bestand.
Für den Einstieg nennt das Verzeichnis der Gemeinden zu jedem Ort den Kirchenkreis und den Pfarrort, die Übersicht der Kirchenkreise den Zuschnitt um 2004. Wie Papier des 19. Jahrhunderts altert und warum Altbestände kühl und dunkel lagern, erklärt das Gespräch über den Säurefraß an Büchern; Herkunft und Stand der Angaben stehen unter Quellen.