Aus der Kirchenzeitung Die Kirche, Ausgabe April 2003. Der Bericht wird hier als Chronikeintrag geführt. Die Pressestelle der Kirchenprovinz stellte parallel Aufnahmen des Werks für den Abdruck bereit; welche Materialien das waren, steht auf der Seite zum Pressematerial des Frühjahrs 2003.
Kunst im Knast
Ein Haupt, massig wie ein Berg. Weißgrau herabwallendes Haar, mächtiger Bart, unter den buschigen Brauen die Augen gütig gesenkt: So thront Gott Vater inmitten des Sternenhimmels über der Schöpfung. Zwischen seinen segnenden Händen passiert die Welt, erläuterte der Gefängnisseelsorger der Justizvollzugsanstalt Torgau das Bild.
Die Darstellung war eines von 23 farbigen Einzelbildern. Zusammengesetzt ergaben sie ein Altarbild, sieben Meter breit, vier Meter hoch, bestimmt für besondere Gottesdienste im ehemaligen Kinosaal der Anstalt, heute Freizeitbereich mit fünf Tischtennisplatten und einem Billardtisch.
Die Leinwand hing zusammengerollt an der Seite und gab eine grau verputzte Wand frei. Das Altarbild sollte so groß sein, dass es dieses graue Viereck verdeckt; das war die einzige Vorgabe.
Der Pfarrer, 54 Jahre alt, war seit neun Monaten zwei Tage in der Woche Gefängnisseelsorger in Torgau und mit einer weiteren halben Stelle Soldatenseelsorger in Burg. Entworfen und gemalt hatten die Bilder er und eine Gruppe von elf Gefangenen.
Jeder durfte sich eine von neun Bibelgeschichten aussuchen, die der Pfarrer vorgeschlagen hatte. Die Gefangenen stöhnten, sie könnten nicht malen. Der Pfarrer sagte ihnen: Wenn ihr die Bibel lest, läuft vor eurem inneren Auge ein Film ab. Den haltet ihr irgendwo an, und das malt ihr dann.
So entstanden Bleistiftskizzen, projiziert auf Leinwände aus gespendetem Holz, gefertigt vom Anstaltstischler, bespannt mit alten Betttüchern. Als Atelier diente der Raum neben der Bibliothek, auf dessen Stahltür Kirche steht; mit seinen Deckenbalken in warmem Braun wirkt er wie ein Fachwerkhaus.
Acht Monate lang saßen sie dort zusammen, zwei Nachmittage pro Woche, Rücken an Rücken, jeder konzentriert auf sein Bild. Ein hagerer Gefangener mit kurzen blonden Haaren, den sie den Schweden nannten, sagte, einen Bezug zum Christentum habe er nicht, ihn habe die technische Seite interessiert, etwa wie man die Einzelbilder anordnen muss, damit die Statik stimmt.
Aber ob er hier male oder in seiner Zelle eingeschlossen sei, das sei ein himmelweiter Unterschied. Schon nach kurzer Zeit habe es ein Zusammengehörigkeitsgefühl gegeben. Ein anderer hatte sich nach längerer Zeit wieder mit der Bibel beschäftigt; getauft, mit 18 aus der Kirche ausgetreten. Auf dem Abendmahlsbild, das das Zentrum bildet, sitzt er unten rechts.
Fast alle Maler sind auf dem Abendmahlsbild zu sehen, zwischen ihnen der evangelische Seelsorger und sein katholischer Kollege, ein Dominikaner aus Leipzig. Wir sitzen alle an einem Tisch, das ist die Aussage, erläuterte der Pfarrer.
Sich selbst etwas auszudenken und es zu verwirklichen, sei ein Stück Normalität von draußen, hier, wo der Gefangene sich einem fertigen Regime anpassen muss. Das Bild sei ihres, etwas Bleibendes. Bei der Arbeit sei Vertrauen entstanden, obwohl alle wüssten, dass man im Knast niemandem vertrauen könne.
Beim Malen, so hatte er beobachtet, heben sie ab. Das sei etwas von dem, was er als Seelsorger erreichen wolle: dass sie für einige Augenblicke mal das Viereck vergessen. Das Viereck, die Zelle.
Erstmals gezeigt wurde das Bild in einem ökumenischen Gottesdienst am Ostermontag, dem 21. April 2003, um 14 Uhr im Sportsaal der JVA Torgau. Der Bericht stammt von Tomas Gärtner, die Fotos von Steffen Giersch; die Pressestelle der Kirchenprovinz stellte Aufnahmen des Gesamtwerks, der Abendmahlsszene und des Gott-Vater-Bildes zum Abdruck frei. Weitere Einträge der Chronik: Chronik.