Wo die Kirchenbücher in Sachsen-Anhalt liegen
Die Kirchenbücher der ehemaligen Kirchenprovinz Sachsen wurden nie zentral eingezogen. Anders als in Landeskirchen, die ihre Bände in ein Zentralarchiv holten, blieben die Originale hier bei den Pfarrämtern.
Das gilt bis heute: Wer das Taufbuch eines Dorfes im Südharz oder in der Altmark sehen will, fragt beim Pfarramt, nicht in Magdeburg. Das Verzeichnis nennt für jede Gemeinde diesen Pfarrort, weil er der Schlüssel zu den Büchern ist.
Das Landeskirchenarchiv der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland am Standort Magdeburg (Freiherr-vom-Stein-Straße 47) verwaltet das historische Erbe der Kirchenprovinz. Die Kirchenleitung beschloss 2001, sämtliche Kirchenbücher verfilmen zu lassen; seither liegen die Mikrofilme im Archiv, und die Originale werden aus konservatorischen Gründen nicht mehr zur Benutzung vorgelegt.
Die Einsicht in die Filme ist im Lesesaal möglich, nach Terminvergabe und mit ausgefülltem Benutzerantrag. Genealogische Anfragen bearbeitet das Archiv nach eigener Auskunft derzeit nicht; die Recherche bleibt Sache der Forschenden oder eines beauftragten Dritten.
Drei weitere Aufbewahrungsorte gehören ins Bild. Die Kirchenbuchduplikate, jährliche Abschriften, die Preußen ab 1794 von den Pfarrern verlangte, liegen für die Jahre bis 1874 überwiegend in den staatlichen Archiven, für Sachsen-Anhalt im Landesarchiv Sachsen-Anhalt. Für die Zeit nach dem 1.
Oktober 1874 sind die Standesämter und die Kommunalarchive zuständig, denn seit dem preußischen Personenstandsgesetz beurkunden sie Geburt, Ehe und Tod. Und für Auswanderer helfen die Auswandererunterlagen der staatlichen Archive, den Herkunftsort erst einmal zu bestimmen.
Ein Wort zu den Grenzen der Kirchenprovinz: Sie deckte fast ganz Sachsen-Anhalt ab, dazu Nord- und Westthüringen mit Mühlhausen, Sömmerda, dem Erfurter Umland, dem Südharz und dem Henneberger Land, außerdem Randgebiete in Brandenburg und Sachsen. Kirchenbücher aus diesen Thüringer Kirchenkreisen liegen deshalb in Magdeburg, nicht im Thüringer Landeskirchenarchiv in Eisenach. Die Liste der Kirchenkreise zeigt den Zuschnitt.
Kirchenbücher online: Archion und die digitalisierten Kirchenkreise
Die verfilmten Bände des Landeskirchenarchivs Magdeburg werden über das Kirchenbuchportal Archion zugänglich gemacht. Nach Angaben des Archivs umfasst der Gesamtbestand rund 60.000 evangelische Kirchenbücher aus mehr als 3.000 Gemeinden der EKM; Kirchenbücher aus 25 der 37 Kirchenkreise der Landeskirche sind online. Für das Gebiet der Kirchenprovinz Sachsen sind diese 17 Kirchenkreise vollständig oder teilweise eingestellt:
- Bad Liebenwerda
- Egeln
- Eisleben
- Elbe-Fläming
- Erfurt
- Halberstadt
- Haldensleben-Wolmirstedt
- Halle-Saalkreis
- Henneberger Land
- Magdeburg
- Merseburg
- Mühlhausen
- Naumburg-Zeitz
- Salzwedel
- Stendal
- Südharz
- Torgau-Delitzsch
Wer Kirchenbücher Sachsen-Anhalt online sucht, arbeitet bei Archion mit demselben Schlüssel wie im Archiv: Kirchenkreis, dann Kirchspiel des Pfarrorts, dann Band. Das Ortsverzeichnis des Portals ist frei durchsuchbar; die Bilder selbst setzen einen Pass voraus, den es für einen Monat, drei Monate oder ein Jahr gibt.
Nicht immer sind alle historischen Bände eines Kirchenkreises sofort vollständig online; die Digitalisierung läuft kirchenkreisweise weiter. Kirchenbücher Sachsen-Anhalt online zu lesen heißt in der Praxis: den Pfarrort aus dem Verzeichnis nehmen, bei Archion den Kirchenkreis öffnen und im Kirchspiel den gesuchten Zeitraum aufschlagen.
Zwei Ergänzungen lohnen den Blick. Ortsfamilienbücher, die Vereine und Ortschronisten für einzelne Dörfer erstellt haben, verknüpfen die Einträge eines Kirchspiels bereits zu Familien; die Arbeitsgemeinschaft für mitteldeutsche Familienforschung führt eine Übersicht. Und die Duplikate im Landesarchiv Sachsen-Anhalt sind für die Jahre 1794 bis 1874 oft besser lesbar als die abgegriffenen Originale, weil sie als Reinschrift entstanden.
Ahnenforschung Schritt für Schritt: vom Ort zum Eintrag
Die Ahnenforschung mit Kirchenbüchern beginnt immer beim Ort, nie beim Namen. Für die Zeit vor 1874 existieren keine ortsübergreifenden Namensregister; wer nur einen Familiennamen kennt, muss erst den Wohnort finden. Der Weg sieht in der Region so aus:
- Ort feststellen. Aus Standesamtsurkunden nach 1874, Stammbüchern, Adressbüchern, Militärpapieren oder Auswandererlisten den Wohnort der Vorfahren ermitteln. Bei Auswanderern helfen die Passagierlisten und die Auswandererunterlagen der staatlichen Archive.
- Gemeinde nachschlagen. Den Ort im Verzeichnis oben eingeben. Der Eintrag nennt den Kirchenkreis und den Pfarrort, unter dem die Bücher geführt wurden. Kleine Dörfer gehörten fast immer zu einem Kirchspiel im Nachbarort; das Verzeichnis zeigt diese Zuordnung mit dem Stand um 2004.
- Bestand aufrufen. Bei Archion den Kirchenkreis öffnen und das Kirchspiel des Pfarrorts wählen, oder im Landeskirchenarchiv Magdeburg einen Lesesaaltermin vereinbaren und die Filmrolle des Kirchspiels bestellen. Ist der Kirchenkreis noch nicht online und die Reise nach Magdeburg nicht möglich, bleibt die schriftliche Anfrage beim Pfarramt, die gebührenpflichtig sein kann.
- Eintrag lesen und belegen. Band, Seite, Jahr und Eintragsnummer notieren. Ein Taufeintrag nennt Kind, Eltern, Paten und Datum, ein Traueintrag oft die Herkunftsorte der Brautleute, ein Bestattungseintrag das Alter. Zweifelsfälle mit dem Duplikat im Landesarchiv abgleichen.
- Weiterhangeln. Herkunftsorte aus Traueinträgen führen ins nächste Kirchspiel; dort beginnt der Weg von vorn: Ort, Pfarrort, Kirchenkreis, Bestand.
Wer die Ahnenforschung mit Kirchenbüchern zum ersten Mal betreibt, unterschätzt meist die Schrift. Die Einträge vor 1800 sind in deutscher Kurrentschrift geschrieben, oft mit lateinischen Formeln für Taufe (baptizatus), Trauung (copulatus) und Begräbnis (sepultus); Lesehilfen der Genealogievereine und die Duplikate in Reinschrift erleichtern den Einstieg.
Grafik einbetten
<a href="https://www.kirchenprovinz.de/kirchenbuecher/">Zeitleiste der Kirchenbuchüberlieferung in der Kirchenprovinz Sachsen – kirchenprovinz.de</a>Was ein Kirchenbucheintrag enthält und wie man ihn liest
Ein Kirchenbuch ist kein Formular. Bis ins 18. Jahrhundert schrieben die Pfarrer fortlaufend, Taufen, Trauungen und Begräbnisse oft im selben Band, später in getrennten Registern mit vorgedruckten Spalten. Ein Taufeintrag nennt den Tag der Geburt und der Taufe, den Namen des Kindes, Vater und Mutter mit Stand und Wohnort sowie die Paten, aus deren Namen sich Verwandtschaften ablesen lassen.
Der Traueintrag gibt bei den Brautleuten Herkunft, Stand und häufig die Namen der Väter an; er ist die Brücke ins nächste Kirchspiel. Der Bestattungseintrag verzeichnet Sterbetag, Alter, manchmal Todesursache und den Ort des Grabes.
Konfirmationsregister, Kommunikantenlisten und Seelenregister ergänzen das Bild, wo sie überliefert sind. Für Dorfgemeinden zwischen Harz und Elbe ist ein Anfangsjahr um 1650 typisch; der Dreißigjährige Krieg hat viele ältere Bände vernichtet.
Städte wie Halle, Halberstadt oder Naumburg reichen mit einzelnen Registern bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurück. Wer Lebensdaten von Pfarrern sucht, greift nicht zu den Kirchenbüchern, sondern zum Pfarrerbuch der Kirchenprovinz Sachsen, das die Amtsträger von der Reformation bis 1945 verzeichnet.
Kosten, Fristen und Schutzrechte
Kirchenbücher unterliegen dem kirchlichen Archivrecht. Einträge, die jünger als die üblichen Schutzfristen sind, werden nur mit Nachweis eines berechtigten Interesses vorgelegt; für die Ahnenforschung mit Kirchenbüchern des 17. bis 19. Jahrhunderts spielt das keine Rolle. Die Einsicht im Lesesaal in Magdeburg ist nach Anmeldung möglich, Reproduktionen kosten nach der Gebührentafel des Archivs.
Archion rechnet über Pässe ab; ein Monatspass genügt oft für ein Kirchspiel. Pfarrämter dürfen für schriftliche Auskünfte Gebühren nach der kirchlichen Gebührenordnung erheben, und sie haben keine Pflicht, umfangreiche Recherchen zu übernehmen. Wer schnell vorankommen will, sucht selbst oder beauftragt einen Berufsgenealogen.
Ein letzter Hinweis für alle, die aus dem Ausland forschen: Viele Familien aus der Altmark, dem Mansfelder Land und der Börde sind im 19. Jahrhundert nach Nordamerika ausgewandert. Die Passagierlisten von Hamburg und Bremen nennen den Herkunftsort, und mit dem Ort beginnt, wie oben beschrieben, der Weg ins Kirchenbuch.
