Schwarzer eiserner Opferstock mit Münzschlitz und Schloss, in eine rosa getünchte Kapellenwand eingelassen.
ChronikChronik · Zahlen & Fakten

Der Mythos vom Reichtum der Kirche: Zahlen und Fakten von 2003

· Stand 18. September 2026

Dieser Beitrag erschien 2003 in der Rubrik Zahlen & Fakten und antwortete auf die damals viel diskutierte Schätzung des Publizisten Carsten Frerk, das Vermögen der Kirchen in Deutschland betrage rund 500 Milliarden Euro. Verfasser war Thomas Begrich, Finanzdezernent der Kirchenprovinz Sachsen. Er wird hier als Dokument wiedergegeben; die Zahlen beziehen sich auf das Jahr 2003.

Was zusammengerechnet wird

Frerk rechnete alles zusammen, was irgendwie mit Kirche zu tun hat: 27 katholische Bistümer, 24 evangelische Landeskirchen, Tausende von Einrichtungen in Diakonie und Caritas, dazu wirtschaftliche Unternehmungen wie kirchliche Genossenschaftsbanken und Verlage. Das lässt sich mathematisch addieren, macht aber nur begrenzt Sinn, so Begrich: Kein Bischof und kein Finanzdezernent kann über all das gebieten.

Jede Einrichtung ist eine eigene Rechtspersönlichkeit mit eigenen Aufsichtsgremien und eigenen Aufgaben, für die sie ihre Mittel eigenverantwortlich einsetzt. Was brächte es, Opel, BMW und VW zum Vermögen der deutschen Automobilindustrie zusammenzurechnen? Wenig, und spätestens dort würde man nicht nur Aktiva addieren, sondern auch Verpflichtungen und Schulden benennen.

Welchen pekuniären Wert haben Krankenhäuser? Eine einzige Röntgenanlage kostet Millionen. Welchen Wert haben Sozialstationen? An welcher Börse werden Kindergärten gehandelt? Kirchengebäude stehen in besten Citylagen, Frerk ermittelte daraus einen Wert von 44 Milliarden Euro. Die 2.300 Kirchen der Kirchenprovinz Sachsen allein repräsentierten einen Gestehungswert ohne Grundstücke von wenigstens 5 Milliarden Euro.

Aber welcher Gewinn lässt sich daraus ziehen? Kirchen sind meist unverkäuflich, keine Bank akzeptiert ein Kirchengebäude als Kreditsicherheit, und diese Gebäude hatten allein einen jährlichen Instandhaltungsbedarf von gut 50 Millionen Euro, nahezu das Doppelte dessen, was die 540.000 Gemeindeglieder der Kirchenprovinz an Kirchensteuern aufbrachten.

Ein Vermögen ohne Wert?

So betrachtet ja, schrieb Begrich. Anders gesehen dient es der Erfüllung der kirchlichen Aufgaben und erlangt gerade dadurch seinen Wert: Bistümer und Landeskirchen, diakonische und caritative Einrichtungen sind Teil der Gesellschaft und stehen in ihrem Dienst. Seelsorge ist eine soziale Aufgabe, Kranke heilen und Kinder betreuen ebenso. Deutschlandweit arbeiteten gut 1,5 Millionen Menschen in kirchlichen Einrichtungen, Werken und Gemeinden.

Finanzquellen sind Erträge des kirchlichen Vermögens, wo es sie gibt, etwa aus dem Landbesitz der Gemeinden; unverzichtbar sind die Mitgliedsbeiträge in Form von Kirchensteuer und Gemeindebeitrag sowie Leistungsentgelte, auf die kirchliche Träger wie alle anderen Anspruch haben. Der Staat sieht dafür Steuererleichterungen vor, wie für alles, was dem Gemeinwohl dient, seien es Fußballvereine, Parteien oder Kirchen.

Sind 500 Milliarden Euro viel oder wenig? Begrich hielt einen Vergleich dagegen: Durchschnittlich 500.000 Euro koste eine Stelle in Deutschland; um 1,5 Millionen Arbeitsplätze zu schaffen, müssten gut 750 Milliarden Euro investiert werden.

Und er endete mit der Legende vom heiligen Laurentius, der dem Kaiser statt der Schätze der Kirche die Armen der Stadt brachte: Dasein für andere, das sei damals wie heute der wirkliche Reichtum der Kirche, und eine schwere Aufgabe dazu.

Was die Zahlen heute bedeuten

Die 2.300 Kirchen stehen weiter, verteilt auf inzwischen weniger Gemeindeglieder; die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland, in der die Kirchenprovinz 2009 aufging, zählt rund 4.000 Kirchengebäude für unter 600.000 Mitglieder.

Die Spannung zwischen Gebäudebestand und Kirchensteuer, die Begrich 2003 beschrieb, ist die Grundlage der Fördervereine und Gemeindestiftungen, von denen die Seiten Stiftungsrecht und Dorfkirche Dehlitz berichten. Wie sich die Kirchensteuer für den Einzelnen bemisst, steht auf den Seiten zum Kircheneintritt und Kirchenaustritt.

Häufige Fragen

Wie viele Kirchen hatte die Kirchenprovinz Sachsen?

Rund 2.300 Kirchengebäude für 540.000 Gemeindeglieder im Jahr 2003. Ihr Gestehungswert ohne Grundstücke wurde auf mindestens 5 Milliarden Euro geschätzt, der jährliche Instandhaltungsbedarf auf gut 50 Millionen Euro, fast das Doppelte der Kirchensteuereinnahmen.

Wie hoch ist die Kirchensteuer?

Neun Prozent der Lohn- und Einkommensteuer in Sachsen-Anhalt und Thüringen. Sie ist neben Erträgen aus Grundbesitz, Gemeindebeiträgen, Kollekten und Leistungsentgelten der Einrichtungen die wichtigste Einnahme der Landeskirche.

Wer hat den Beitrag geschrieben?

Thomas Begrich, damals Finanzdezernent im Konsistorium der Kirchenprovinz Sachsen, als Antwort auf die Vermögensschätzungen des Publizisten Carsten Frerk. Der Text erschien 2003 in der Rubrik Zahlen & Fakten.

Gilt die Zahl von 2.300 Kirchen noch?

Für das Gebiet der alten Kirchenprovinz im Wesentlichen ja; Kirchen werden selten abgerissen, einige wurden an Vereine oder Kommunen übertragen. Die Evangelische Kirche in Mitteldeutschland zählt heute rund 4.000 Kirchengebäude auf ihrem gesamten Gebiet, also einschließlich Thüringens.

Titelbild: Opferstock in der Kreuzkapelle Dülmen – Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, über Wikimedia Commons.