Die Leipziger Nikolaikirche mit steilen Schieferdächern und die Säule auf dem Nikolaikirchhof davor.
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Proteste gegen Hartz IV in Ostdeutschland: Meldung vom 9. August 2004

· Stand 18. September 2026

Meldung des Evangelischen Pressedienstes vom 9. August 2004, hier als Chronikeintrag geführt. Der Text ist gekürzt wiedergegeben. Der epd arbeitet als Nachrichtenagentur für den kirchlichen Bereich; seine Meldungen liefen über den Nachrichtendienst der Landeskirche und wurden von Redaktionen und Gemeindebriefen übernommen.

Die Meldung

Berlin (epd). In zahlreichen ostdeutschen Städten haben am 9. August mehrere Zehntausend Menschen gegen die Sozialreformen der Bundesregierung und das Hartz-IV-Gesetz protestiert. In Magdeburg beteiligten sich nach Veranstalterangaben rund 15.000 Menschen an den Protesten gegen Sozialabbau, in Leipzig bezifferte die Polizei die Zahl der Teilnehmer auf 10.000 und in Dresden sprachen die Initiatoren von 4.000 Demonstranten.

Zum Auftakt der inzwischen dritten Montagsdemonstration in Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt kündigten die Initiatoren an, so lange jeden Montag zu demonstrieren, bis Hartz IV verschwunden sei.

In Dessau nahmen nach Polizeiangaben rund 3.000 Menschen an den Protesten teil, unter ihnen der anhaltische Kirchenpräsident Helge Klassohn. Die Reformen seien unumgänglich, betonte er; sie müssten jedoch bei der Verantwortung und Solidarität aller ansetzen und jeden nach seinen Möglichkeiten belasten.

Nach den Grundsätzen der sozialen Marktwirtschaft hätten die Starken für die Schwachen einzutreten, erklärte der Theologe, der im März 2004 zu den Gründungsmitgliedern des Bündnisses für soziale Bewegung in Sachsen-Anhalt gehörte.

Bei Demonstrationen in Thüringer Städten beteiligten sich nach Polizeiangaben mehrere Tausend Menschen, darunter in Suhl 650, in Jena weit über 500 und in Gera etwa 300. In Erfurt, wo am 12. August eine landesweite Demonstration stattfinden sollte, bezeichnete die evangelische Pröpstin Elfriede Begrich Demonstrationen als legitimes Mittel, dem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit Nachdruck zu verleihen.

Dabei müsse die Kirche denen eine Stimme geben, die keine haben. Das Eintreten für soziale Gerechtigkeit sei jedoch nicht gleichzusetzen mit einer pauschalen Ablehnung von Hartz IV; die Sachlage müsse von den Betroffenen differenziert dargestellt werden.

Auf Transparenten hieß es in Magdeburg unter anderem Arbeit los, Wohnung los, mittellos, danke Hartz IV, und Wir sind das Volk und nicht die Sklaven von Hartz IV. In Leipzig knüpften die Veranstalter ausdrücklich an die Montagsdemonstrationen des Herbstes 1989 an.

Einordnung

Die Montagsdemonstrationen des Sommers 2004 waren die größten Sozialproteste in Ostdeutschland seit 1989; sie begannen am 26. Juli in Magdeburg und breiteten sich innerhalb von zwei Wochen auf über hundert Städte aus.

Die evangelischen Kirchen der Region standen zwischen der Solidarität mit den Betroffenen und der Warnung vor einfachen Parolen; Kirchenpräsident Klassohn und Pröpstin Begrich formulierten das am selben Tag auf zwei Kundgebungen. Das Hartz-IV-Gesetz trat zum 1. Januar 2005 in Kraft.

Der Bezug auf 1989 war dabei nicht nur rhetorisch. Die Montagsdemonstrationen des Herbstes 1989 waren aus Friedensgebeten in evangelischen Stadtkirchen hervorgegangen, und Gemeindehäuser und Kirchenräume hatten den Protest getragen, als es dafür sonst keinen Ort gab. Wer 2004 dieselbe Form wählte, berief sich auf diese Erfahrung.

Genau daraus ergab sich für die Kirchen eine schwierige Lage. Als Kirchen einer Bürgerbewegung sollten sie erneut Partei für die Schwächeren ergreifen; zugleich wollten sie die Einordnung ihrer Stimme in eine Kampagne vermeiden. Beide Zitate der Meldung, das aus Dessau und das aus Erfurt, lassen sich als Versuch lesen, diese Linie zu halten.

Der Eintrag als Quelle

Eine Agenturmeldung hält Zahlen und Zitate eines Tages fest, in der Genauigkeit, die am selben Abend zu erreichen war. Die Angaben stammen erkennbar aus zwei Quellen, von Veranstaltern und von der Polizei, und weichen voneinander ab; die Meldung schreibt das jeweils dazu, statt sich für eine Zahl zu entscheiden.

Für die Ortsgeschichte ist sie deshalb ein Anfangspunkt, kein Ergebnis. Wer den Verlauf in einer Stadt rekonstruieren will, gleicht sie mit der Lokalpresse, mit den Jahrgängen der Kirchenzeitung und mit Unterlagen der beteiligten Gemeinden und Kirchenkreise ab. Die Jahrgangsübersicht der Kirchenzeitung steht unter Die Kirche, Archiv 2004.

Kirchliches Schriftgut zu solchen Vorgängen gehört zur Überlieferung der Landeskirche; zuständig ist das Landeskirchenarchiv in Magdeburg. Welche Kirchenkreise es um 2004 gab, zeigt die Übersicht der Kirchenkreise, die Zuordnung der Orte das Verzeichnis der Gemeinden. Weitere Einträge stehen in der Chronik.

Häufige Fragen

Wie viele Menschen demonstrierten am 9. August 2004?

Mehrere Zehntausend in ostdeutschen Städten: rund 15.000 in Magdeburg nach Veranstalterangaben, 10.000 in Leipzig nach Polizeiangaben, 4.000 in Dresden nach Angaben der Initiatoren, 3.000 in Dessau, dazu mehrere Tausend in Thüringer Städten wie Suhl, Jena und Gera.

Wie stellten sich die Kirchen zu den Protesten?

Differenziert. Der anhaltische Kirchenpräsident Helge Klassohn, der in Dessau mitdemonstrierte, nannte die Reformen unumgänglich, verlangte aber, dass die Starken für die Schwachen eintreten. Die Erfurter Pröpstin Elfriede Begrich bezeichnete Demonstrationen als legitimes Mittel, warnte aber vor pauschaler Ablehnung von Hartz IV.

Titelbild: Nikolaikirche in Leipzig – JesterWr, CC BY 3.0, über Wikimedia Commons.